Ein Mensch, der mit 87 die Bilder seines Lebens versteckt, hat kein Luxusproblem

Was die zweite kweercare soirée über queersensible Pflege gezeigt hat
Vor der ersten kweercare soirée erreichte uns auf Social Media der Kommentar «Woke isch over». Vor der zweiten hiess es: «Ihr habt Luxusprobleme.» Wir lesen diese Sätze vor jedem Abend laut vor, weil sie zeigen, worum es geht: Nicht darum, ob queere Menschen Pflege brauchen – sondern darum, wer entscheidet, was als Bedürfnis gilt und was als Extrawunsch.
Am 28. April 2026 füllte sich der Rossstall 2 der Kaserne Basel zum zweiten Mal. Die Frage des Abends: Care ist nicht neutral – braucht es queere Pflegeangebote? Vier Gäste antworteten aus vier Richtungen: aus der Kinderarztpraxis, aus dem Alters- und Pflegeheim, aus der Spitex und aus der Projektentwicklung.
Auf dem Podium: Dr. med. Michael Esteves Pereira, Kinderarzt und Gründer von Safe to Grow; Christoph Bollinger, Präsident von Belvita Care Region Basel; Marianne van Vulpen, Präsidentin von queerAltern Region Basel; und Hugo Zimmermann, Initiant von queer key. Moderiert wurde der Abend von Maximilian Grieger und Roger Furrer, Präsident und Vizepräsident von kweercare.
«Wir behandeln doch alle gleich»
Der Abend begann mit einer Geschichte, die Roger Furrer wenige Tage zuvor gehört hatte. Ein Vater erzählte von seinem Sohn: heute 18, mit zwölf hatte er zum ersten Mal gesagt, mit welchem Namen und welchen Pronomen er angesprochen werden möchte. Sechs Jahre Gesundheitswesen folgten – monatelange Wartezeiten auf Pflichttermine und im Gespräch mit einer Fachperson der Satz: «Ich glaube dir das nicht, du bist nur depressiv.» Kein Einzelfall, sondern ein Muster.
Michael Esteves Pereira kennt das Gegenargument aus dem Klinikalltag: Man sei doch neutral, man behandle alle gleich. Seine Antwort: Wer mit einer Lungenentzündung in die Praxis kommt, bekommt auch keinen Gips. Gleichbehandlung heisse nicht, alle gleich zu behandeln, sondern jede Person als Ganzes zu sehen. Schon die Infrastruktur trifft Vorentscheidungen: Auf der Sprechstundentafel steht nur ein männliches oder ein weibliches Symbol – und mit dieser Erwartung öffnet die Fachperson die Tür. Die Unsicherheit, die dann entsteht, spürt das Gegenüber sofort.
«Ich trage einen Pin, auf dem steht: 'You are safe to be you around me'. Damit rolle ich den Teppich aus und sage: Du kannst die Person sein, die du wirklich bist.» – Dr. med. Michael Esteves Pereira
Zurück in den Schrank
Hugo Zimmermann erzählte von jenem Besuch, aus dem die Initiative queer key entstanden ist. Ein 87-jähriger Bekannter, im Verein jahrelang offen und sogar Ehrenmitglied, zeigte ihm seine Wohnung im Alters- und Pflegeheim – und dann, hinter der Tür versteckt, die Fotos der Männer seines Lebens. Aus Angst vor dem Pflege- und Reinigungspersonal.
«Sie gehen zurück ins Heim und zurück in den Schrank. Das ist die Realität, die wir aufbrechen wollen.» – Hugo Zimmermann
queer key arbeitet heute mit vier Pilotheimen, unterstützt von der Age-Stiftung und der Stadt Bern und wissenschaftlich begleitet von der Berner Fachhochschule. Rund 30 Menschen arbeiten im Projekt mit, die meisten unbezahlt. Der oft zitierte Wert, wonach etwa 80 Prozent der queeren Bewohner*innen in Institutionen nicht offen leben, stammt aus der deutschen Initiative «Queer im Alter» der Arbeiterwohlfahrt – die eigene Erhebung in den Pilotheimen zeigt vor allem eines: Die Heimleitungen wissen es nicht. Man vermute vereinzelt queere Bewohner*innen, genau wisse man es nicht.
Eine Zahl aus der Umfrage blieb im Raum: In jenem Heim in Münchenbuchsee, in dem ein offen lesbisches Paar in der Pflege arbeitet, fiel die Offenheit gegenüber Vielfalt deutlich höher aus als in den anderen Häusern. Ein Rollenmodell genügt, um ein Klima zu verändern. In den Pilotheimen sind rund 60 Prozent der Pflegenden Hilfskräfte, viele mit Migrationsgeschichte – queer key entwickelt für sie derzeit animierte Schulungsvideos. Die Schulungen starten im Herbst 2026.
Beziehung vor Struktur
Christoph Bollinger brachte die Zahlen mit, die das ganze Feld verschieben. Vor 30 Jahren lebten Menschen in Basel durchschnittlich zwölf bis fünfzehn Jahre in einem Pflegeheim. Heute sind es im Schnitt 18 Monate – bei steigender Lebenserwartung. Die Jahre davor verbringen die Menschen zu Hause, und genau dort fehlen die Angebote. Ab dem 1. Januar 2028 werden Betreuungsleistungen zu Hause über Ergänzungsleistungen mitfinanziert; bis dahin, so Bollinger, brauche es private Initiativen, weil der Staat langsamer sei als die Nachfrage.
Mit Belvita Care Region Basel baut er ambulante Pflege nach dem niederländischen Buurtzorg-Modell auf: kleine Teams, feste Bezugspersonen, das persönliche Umfeld wird einbezogen. Kein Experiment, sondern ein erprobtes Modell – übertragen auf Schweizer Verhältnisse und erweitert um queere Lebensrealitäten.
«Einer Person ist es wichtiger, dass sie eine gute Beziehung zur pflegenden Person hat, als dass diese fachlich perfekt ist. Unsere Modelle sind genau umgekehrt.» – Christoph Bollinger
Biografiearbeit – und wer sie bezahlt
Marianne van Vulpen widersprach an einem Punkt und brach eine Lanze für die Pflegenden an der Basis: Es seien selten die Menschen am Bett, an denen es scheitere, sondern die Strukturen darüber. In der Alterspflege sei Biografiearbeit längst Standard – man will wissen, wie ein Mensch gelebt hat, um die Pflege danach zu gestalten. Nur endet dieses Interesse regelmässig dort, wo eine Biografie queer ist. queerAltern Region Basel qualifiziert deshalb nicht einzelne Fachpersonen, sondern ganze Belegschaften, konsequent von unten nach oben. Nach dem Pilotprojekt im Pflegehotel St. Johann sind heute das Bürgerspital Basel und die Spitex Dovida als Stakeholder an Bord; ab Ende Jahr sollen die Schulungen in die Institutionen gehen.
«Wenn ich einmal Pflege brauche, dann will ich mich wirklich nicht erklären müssen.» – Marianne van Vulpen
Ein Thema zog sich durch alle vier Projekte: Sie werden fast vollständig ehrenamtlich getragen. Safe to Grow arbeitet in der Freizeit der Beteiligten, das Bildungskonzept von queerAltern entstand unbezahlt, die zehn Mitwirkenden bei queer key erhalten kein Honorar. Care-Arbeit, auch die, die queere Care erst möglich macht, ist unbezahlte Arbeit. Das ist keine Randnotiz – es ist die Bedingung, unter der diese Angebote derzeit entstehen.
WAS DER ABEND GEZEIGT HAT
Neutralität ist keine Haltung, sondern eine Auslassung. Wo Systeme behaupten, alle gleich zu behandeln, behandeln sie in Wahrheit alle wie die Mehrheit – und wer davon abweicht, trägt die Differenz selbst.
Queere Pflege ist kein Sonderangebot. In der Schlussrunde beantworteten alle vier Gäste die Frage des Abends mit Ja – aber nicht als Abgrenzung. Queerness sei ein Querschnittsthema, sagte Hugo Zimmermann; es gehe um Spezialisierung im Sinne von Menschen, die einander verstehen, sagte Christoph Bollinger. Michael Esteves Pereira ergänzte den zweiten Zeithorizont: Es genügt nicht, die heutige Pflege zu sensibilisieren – die nächste Generation muss es ebenso werden, sonst beginnt alles wieder von vorn.
Und die Antwort auf den Kommentar vom Anfang: Ein Mensch, der mit 87 die Bilder seines Lebens hinter der Tür versteckt, hat kein Luxusproblem.
Der Abend wurde aufgezeichnet und ist als Podcast nachzuhören. Fotografische Dokumentation: Nico Aebischer. Auf den Stühlen lagen Postkarten mit Arbeiten der Basler Fotografin Nora Aliena Friedlin (Absolventin Institut Kunst Gender Natur, HGK Basel).
LISTENING SESSION
Jede kweercare soirée schliesst mit einer Listening Session – einem offenen Ausklang, der queeren Künstler:innen eine Plattform bietet und Raum schafft für Begegnung ohne Agenda. Musik, Präsenz, Nachklingen.
Lucianne Blue
DJ, Künstlerin _ they
Lucianne Blue ist eine chilenische Künstlerin und DJ, die in Zürich lebt und arbeitet. Ihre Praxis verbindet Musik, Kultur und Community Organizing – sie erforscht Migration, sexuelle Dissidenz und kollektive Formen des Zusammenlebens. In ihren Sets verbindet sie elektronische und lateinamerikanische Sounds und verwandelt den Dancefloor in einen Ort der Begegnung, politischen Artikulation und geteilten Gemeinschaft.
Die zweite kweercare soirée vollständig nachhören
Care ist nicht neutral - braucht es queere Pflegeangebote?
Zweite kweercare soirée, 28. April 2026, Kaserne Basel
Mit Dr. med. Michael Esteves Pereira, Marianne von Vulpen, Christoph Bollinger, Hugo Zimmermann. Moderiert von Maximilian Grieger und Roger Furrer. Listening Session mit Deven Laveaux.

