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Rassismus trifft Queerness: Wer übernimmt Verantwortung?

Am 17. Oktober 2026 war kweercare an der LGBTIQ+ Conference in der Heiteren Fahne in Wabern vertreten. Gemeinsam mit Ömer Atesci von Pink Cross leiteten Maximilian Grieger und Roger Furrer den Workshop «Rassismus trifft Queerness – Stimmen aus gelebten Realitäten».
Im Mittelpunkt stand eine Frage, die weit über queere Organisationen hinausreicht: Wie können wir sicherstellen, dass Menschen in ihrer ganzen Lebensrealität wahrgenommen werden, besonders dann, wenn unterschiedliche Formen von Diskriminierung zusammenwirken?
Statt über abstrakte Begriffe zu diskutieren, arbeiteten die Teilnehmenden an konkreten Situationen. Dabei ging es um eine queere geflüchtete Person in einer Asylunterkunft, um Sicherheit und Polizeipräsenz an einer Pride, um einen älteren queeren Menschen in der Spitex-Betreuung und um eine trans Person, deren Arbeitszeugnisse den Bewerbungsprozess erschweren.
Care beginnt mit Aufmerksamkeit
Als Grundlage diente das Care-Modell der Politikwissenschaftlerin Joan Tronto. Es unterscheidet vier miteinander verbundene Dimensionen: Aufmerksamkeit, Verantwortung, Kompetenz und Resonanz.
Was braucht ein Mensch, und wer bemerkt es? Wer übernimmt Verantwortung? Welche Fähigkeiten und Ressourcen sind notwendig? Und wie erlebt die betroffene Person die Unterstützung?
Mit diesen Fragen untersuchten vier Kleingruppen, an welchen Stellen Care nicht funktioniert und welche Veränderungen möglich wären.
Aus den Diskussionen entstanden vier konkrete Werkzeuge: Sensibilisierung und sichere Unterkünfte für queere Geflüchtete, ein strukturierter Austausch über Sicherheit an Pride-Veranstaltungen, eine inklusive Anamnese und ein bewusster Beziehungsaufbau in der Pflege sowie ein verantwortungsvoller Umgang mit Namen und Arbeitszeugnissen im Bewerbungsprozess.
Sensibilisierung allein reicht nicht
Eine Gemeinsamkeit zog sich durch sämtliche Gruppenarbeiten: Mitarbeitende, Fachpersonen und Organisationen müssen für unterschiedliche Lebensrealitäten sensibilisiert werden.
Doch eine weitere Frage blieb offen: Wer leistet diese Sensibilisierungsarbeit eigentlich?
Wer stellt die notwendigen Ressourcen bereit? Wer übernimmt Verantwortung dafür, dass Erkenntnisse aus Schulungen tatsächlich in organisatorische Veränderungen übersetzt werden?
Eine Gruppe schlug beispielsweise vor, innerhalb einer Pride-Organisation ein eigenes Ressort für diese Fragen zu schaffen. Andere beschäftigten sich mit der Verantwortung von Unterkunftsleitungen, Gesundheitsorganisationen und Personalabteilungen.
Die Diskussionen machten deutlich: Inklusion kann nicht allein vom Engagement einzelner Menschen abhängen. Sie braucht klare Zuständigkeiten, geeignete Strukturen und die Bereitschaft, bestehende Abläufe zu hinterfragen.
Wenn Sicherheit unterschiedlich erlebt wird
Besonders deutlich wurde dies am Beispiel einer Pride-Veranstaltung.
Mehr Polizeipräsenz kann für manche Besucher*innen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Für andere, insbesondere Menschen mit belastenden Erfahrungen mit Polizei oder Behörden, kann dieselbe Massnahme Angst auslösen.
Auch Fotografien und Videoaufnahmen können zum Problem werden, wenn Menschen dadurch gegen ihren Willen sichtbar werden.
Die Gruppe entwickelte deshalb die Idee eines strukturierten Austauschs mit Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung sowie mit Behörden und Polizei.
Die entscheidende Frage lautet: Wer wird einbezogen, wenn Organisationen darüber entscheiden, was Sicherheit bedeutet?
Gute Care darf kein Coming-out voraussetzen
Ein weiteres Beispiel beschäftigte sich mit einem älteren queeren Mann, dessen langjähriger Partner in der Spitex-Betreuung nicht als Partnerperson erkannt wurde. Sein tatsächliches Beziehungs- und Unterstützungssystem blieb dadurch unsichtbar.
Die Gruppe diskutierte, wie Offenheit, Vertrauen und eine sorgfältige Anamnese gefördert werden können.
Für kweercare liegt darin ein wichtiges Spannungsfeld: Einerseits braucht es Gespräche über persönliche Beziehungen und Lebensrealitäten. Andererseits können Menschen gute Gründe haben, bestimmte Informationen nicht preiszugeben.
Gute Care darf deshalb nicht davon abhängen, dass sich jemand outet oder die eigene Biografie erklären muss. Es liegt in der professionellen Verantwortung von Gesundheitsorganisationen, Bedingungen zu schaffen, unter denen Vertrauen entstehen kann.
Rassismus beim Namen nennen
Auch unsere eigene Auseinandersetzung mit den Workshop-Ergebnissen brachte eine interessante Beobachtung hervor.
In den dokumentierten Gruppenarbeiten war häufig von Migration, Migrationshintergrund und Fluchterfahrung die Rede. Rassismus wurde dagegen kaum ausdrücklich benannt.
Dabei sind diese Erfahrungen nicht gleichzusetzen. Rassismus betrifft auch Menschen, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen sind.
Für unsere weitere Arbeit stellt sich deshalb die Frage, wie wir Rassismus deutlicher benennen und bearbeiten können, auch innerhalb queerer Organisationen und Communities.
Vom Verstehen zum Handeln
Zum Abschluss formulierten die Teilnehmenden persönliche Commitments und offene Fragen.
Manche möchten sich stärker mit Intersektionalität auseinandersetzen, andere den Austausch zwischen Organisationen fördern, Awareness-Konzepte überarbeiten oder sich politisch engagieren.
Die offenen Fragen beschäftigten sich besonders mit Verantwortung, Ressourcen, Vernetzung und der Zugänglichkeit bestehender Angebote.
Für kweercare bleibt daraus eine zentrale Erkenntnis:
Care beginnt mit Aufmerksamkeit. Wirksam wird Care dort, wo aus Aufmerksamkeit Verantwortung und aus Verantwortung Handeln entsteht.
Der Workshop hat gezeigt, wie wertvoll es ist, unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven zusammenzubringen. Nun geht es darum, diese Erkenntnisse in die eigene Praxis zu übertragen.
Eine Frage möchten wir deshalb an alle Organisationen weitergeben:
Welche Bedürfnisse werden in unserer Organisation bisher nicht wahrgenommen – und wer übernimmt die Verantwortung, daran etwas zu verändern?
Der Workshop «Rassismus trifft Queerness – Stimmen aus gelebten Realitäten» fand am 17. Oktober 2026 im Rahmen der LGBTIQ+ Conference in der Heiteren Fahne in Wabern statt. Geleitet wurde er von Maximilian Grieger und Roger Furrer (kweercare) gemeinsam mit Ömer Atesci (Pink Cross).

