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Palliative Care - Bis zuletzt ich selbst
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Kein Proteinriegel macht die Welt besser

Sport. Beziehungen. Zuversicht. Familie. Musik. Aushalten. So lauteten die ersten Antworten, als wir das Publikum zu Beginn der dritten kweercare soirée fragten, was ihm in schwierigen Zeiten Halt gibt. Danach kamen: meine Partnerin, mein Mann, Freundschaft, Community, Spiritualität. Kaum etwas davon kann man allein einlösen. Fast alles, was Menschen trägt, entsteht zwischen ihnen.
Am 22. September 2026 füllte sich der Rossstall 2 der Kaserne Basel zum dritten Mal, zur ersten soirée nach der Sommerpause. Das Thema: Mentale Gesundheit ist Care-Arbeit. Zahlen aus der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2022 des Bundesamts für Statistik zeigen: bei homo- und bisexuellen Menschen treten Depressionssymptome mehr als doppelt so häufig auf wie bei heterosexuellen, Symptome einer Angststörung fast dreimal so häufig. Bei trans und nonbinären Menschen sind Depressionen und Angststörungen fast viermal so häufig wie bei cis Menschen. Nicht das Queersein belastet, sondern das, was queere Menschen erleben: Abwertung, Unsichtbarkeit, das ständige Abwägen, ob man sich zeigen kann.
Auf dem Podium: Alessandra Widmer, Co-Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS); Dr. med. David Garcia Nuñez, Psychiater, Psychotherapeut und Leiter des Universitären Zentrums für Geschlechtervarianz am Universitätsspital Basel; und Tobias Urech, Historiker, Doktorand zum Projekt «Freund*innenliebe», Drag-Künstler und ehemaliges Vorstandsmitglied der Milchjugend. Moderiert wurde der Abend von Maximilian Grieger und Roger Furrer, Präsident und Vizepräsident von kweercare.
Care in der Care
Alessandra Widmer stellte sich mit einer Liste vor: was sie in den 24 Stunden vor dem Podium an Care-Arbeit geleistet hatte. Die Steuererklärung ihrer verwitweten Mutter. Ein Check-in bei einem Teammitglied aus dem Sportverein, das sich den Knöchel gebrochen hatte. Eine angespannte Sitzung mit dem Team des Luststreifen Filmfestivals. Opferhilfe für eine gewaltbetroffene Person aus ihrem Umfeld. Und zum Schluss etwas für sich selbst: länger am Rhein in der Sonne sitzen bleiben, statt das Podium bis ins letzte Detail vorzubereiten.
Im März 2026 haben die LOS, Pink Cross, TGNS und InterAction Schweiz eine Strategie zur Verbesserung der psychischen Gesundheit und Resilienz der LGBTIQA+ Communities vorgestellt, erarbeitet mit queeren Organisationen und Fachpersonen aus der ganzen Schweiz. Einen Grossteil der Interviews dafür hat Widmer selbst geführt. Eines davon hat die Strategie inhaltlich verändert. Eine junge transfeminine Person erzählte von ihrem Klinikaufenthalt. Einen grossen Teil ihrer Zeit verbrachte sie damit, sich mit anderen trans Personen zu verbünden und sich dafür einzusetzen, dass beim Mittagessen nicht mehr die Deadnames angeschrieben waren. Für das Heilen blieb kaum Kraft.
«Ich wollte einfach nur über meine Probleme reden, aber dann sprachen wir eine Stunde über Politik.» – aus einem Interview zur Strategie, erzählt von Alessandra Widmer
Solange queere Menschen an Orten, die heilen sollen, selbst Aufklärungs- und Fürsorgearbeit leisten müssen, als Angestellte oder sogar als Patient*innen, laufe noch einiges schief, sagte Widmer. Die Strategie ist öffentlich und um einen Forschungsbericht ergänzt. Jetzt gehe es um Umsetzungsprojekte und darum, das Thema mit Vorstössen in den Nationalrat zu tragen.
Rosa senden, Blau zurückbekommen
David Garcia Nuñez führt nach eigenen Worten ein Parallelleben: als Arzt in Basel und als Politiker in Zürich. Ob das kein Widerspruch sei, werde er oft gefragt. Seine Antwort: Wer in seine Sprechstunde kommt, zeigt Wunden, die durch gesellschaftliche Strukturen entstanden sind. Gesundheit entsteht nicht erst im Sprechstundenzimmer.
Am Zentrum für Geschlechtervarianz behandelt sein Team Menschen ab 18 Jahren, viele von ihnen wohnen noch bei den Eltern. Die Forschung zeigt: Am besten gelingen Transitionen im Einklang mit Familie und Freundschaften. Deshalb bezieht das Zentrum gerade kritische und verunsicherte Eltern ein, die oft zuerst mit Schuld und Scham ringen. Die Botschaft an sie: Ihr Kind hat in einer transphoben Welt eine Sprache gefunden, um sich auszudrücken. Das medizinische Programm lasse sich gut managen.
«Der schwierige Teil ist eigentlich die soziale Transition und nicht die medizinische.» – Dr. med. David Garcia Nuñez
Warum das so ist, erklärte er mit einem Bild. Wir sind nicht das Geschlecht, das wir sind, weil wir es sagen, sondern weil andere es uns spiegeln. Wer als transfeminine Person ständig Rosa aussendet und Blau zurückbekommt, gerät unter Druck. Das Modell des Minderheitenstresses beschreibt, was daraus entsteht: Blicke und Deadnaming sind wie kleine Pfeile. Ein einzelner tut kaum weh, unzählige an einem Tag hinterlassen eine grosse Wunde. Medizin allein ist dafür nicht die Lösung.
Wie konkret das wird, zeigte eine Geschichte aus seiner Sprechstunde vom selben Tag. Eine Elektrikerin, die früher Ware in eine Apotheke lieferte, merkte, dass jedes Mal alle verstummten, sobald sie eintrat. Irgendwann fragte sie nach, und aus der Lieferung wurde eine spontane Aufklärungsstunde über trans. Am schwersten wiegt der Druck im Job: Die Arbeit während der Transition zu verlieren, gehört zum Schlimmsten, was einer trans Frau passieren kann. In Bewerbungsgesprächen landet man schnell bei der Frage, ob man operiert sei – für Garcia Nuñez auch eine gute Portion Sexismus. Entscheidet sich eine Patientin, etwas an ihrem Körper zu verändern, um besser in diese Strukturen zu passen, gelte es, das zu respektieren. Und gleichzeitig daran zu arbeiten, dass immer weniger Menschen vor dieser Frage stehen.
Das Publikum sah es ähnlich. Auf die Frage, wo es am schwersten fällt, die eigene Identität zu zeigen, landete die Arbeit vorne, gefolgt von der Öffentlichkeit und der Familie.
«Komm, wir brauchen dich»
Tobias Urech kam bereits geschminkt aufs Podium, weil er später am Abend noch als Mona Gamie auf der Bühne stehen würde. Auf die Frage, ob er bei der Milchjugend eine junge Person begleitet habe, die verzweifelt ankam und mit der Zeit in der Community Fuss fasste, antwortete er: Eine davon hiess Tobias Urech.
Die Milchjugend ist eine queere Jugendorganisation, entstanden aus dem Magazin «Milchbüechli», nach dem Prinzip «von queeren Jugendlichen für queere Jugendliche». Kein Beratungsangebot, sondern ein informeller Rahmen, in dem man über Diskriminierung reden, eigene Projekte auf die Beine stellen und Dinge ausprobieren kann. Bei Urech war es Drag. Für eine Party der Milchjugend wurde eine Drag Queen gesucht, und er, der noch nie auf einer Bühne gestanden hatte, sagte zu. Das ist dreizehn Jahre her. Hängengeblieben ist ihm vor allem ein Satz: «Komm, wir brauchen dich.»
«Ich glaube, ich würde heute nicht hier sitzen, wenn ich nicht bei der Milchjugend gelandet wäre.» – Tobias Urech
Solche Orte zählen bis heute. Kurz vor der soirée hatte das Lila Festival in der Roten Fabrik in Zürich stattgefunden, ein queeres Kulturfestival, das Urech von der ersten Ausgabe an mitorganisiert hat. Partys würden oft belächelt, sagte er. Dabei seien gerade sie Orte, an denen Menschen einander Halt geben, Freundschaften erleben und sich auf der Bühne repräsentiert sehen.
Wie tief der Druck sitzen kann, sich beweisen zu müssen, erzählte Maximilian Grieger aus eigener Erfahrung. Als er 2010 aus Deutschland in die Schweiz kam, fühlte er sich als Deutscher und schwuler Mann doppelt im Nachteil und versuchte, das mit Leistung auszugleichen – eine Zeit lang. Heute sagt er: Das hätte es nicht gebraucht. Im Saal fiel die Antwort auf die Frage, ob man als queerer Mensch mehr leisten müsse, um akzeptiert zu werden, ausgeglichen aus. Urech antwortete mit Jein: Was von aussen kommt und was aus einem selbst, lasse sich schwer trennen.
Himmel und Hölle
Community trägt, aber sie kann auch Druck machen. Im Vorgespräch hatte Garcia Nuñez gesagt, Community könne auch Hölle sein. Auf dem Podium erklärte er, warum. Jede Gemeinschaft, die durch ein Merkmal verbunden ist, entwickelt früher oder später Vorstellungen davon, wie die Norm zu sein hat. In schwulen Kontexten sind das oft strenge Bilder von athletischen, gesunden, weissen Körpern, verstärkt durch Plattformen, die daran verdienen. Ein transmaskuliner Mann, der auf Männer steht, erlebt diese Community plötzlich von einer anderen Seite. In transfemininen Kontexten beobachtet Garcia Nuñez einen Wettlauf: Wer bekommt am schnellsten Hormone, die nächste Operation, das überzeugendste Cis-Passing? Ein transnormativer Druck.
Menschen brauchen Kategorien, sagte er. Aber sie haben auch die Fähigkeit, sich zu hinterfragen, zu bremsen und empathisch zu sein.
«Das ist, glaube ich, Community: sich in die Haut des anderen einzufühlen und eigene Privilegien abzulegen, damit es anderen besser geht.» – Dr. med. David Garcia Nuñez
Kein Proteinriegel macht die Welt besser
Mit dem Begriff Care hat Alessandra Widmer ihre Mühe. Nicht mit dem Begriff selbst, sondern mit dem, was oft aus ihm gemacht wird. In ihrem Geschichtsstudium bei Barbara Duden hat sie Care als politischen Begriff kennengelernt: Wer leistet in unserer Gesellschaft Care-Arbeit, und wie wird sie bewertet? Feministische Perspektiven haben längst gezeigt, dass Care weiblich konnotiert und oft unbezahlt oder schlecht bezahlt ist. Die queere Community könne daran anknüpfen und eigene Fragen stellen. Wer übernimmt die letzte Awareness-Schicht an der Party? Wer organisiert das Geburtstagsgeschenk im Freund*innenkreis? Wer beruft die Krisensitzung ein, wenn es im Kollektiv nicht gut läuft?
Am meisten stört sie, wie Self-Care vermarktet wird.
«Es gibt keine Atemübung und kein Fitnessgerät und keinen Proteinriegel, der die Welt besser macht, auch wenn die Werbung uns das verkaufen möchte.» – Alessandra Widmer
Für sie ist das eine Gleichzeitigkeit ohne einfache Lösung: auf sich schauen, auf die anderen schauen und zugleich bei den Strukturen ansetzen, damit Fürsorge nicht ewig dem Schlechten in der Welt hinterherrennt. So beschreibt sie auch ihre eigene Rolle. Die Dachverbände sind da, wenn es am schwierigsten ist, und trommeln die Community zusammen, wenn in der Welt Schlimmes passiert. Das sei ein Marathon. Und in einer Woche, in der gerade keine Katastrophe passiert, wird eben etwas länger Mittag gemacht.
Freundschaft als Möglichkeitsraum
In seiner Dissertation untersucht Tobias Urech Freundschaft im 20. Jahrhundert als Möglichkeitsraum für gleichgeschlechtliche Liebe: Wie haben Paare den Begriff Freundschaft genutzt, um Liebe, Erotik und Zusammenleben möglich zu machen? Dafür liest er in Archiven Liebesbriefe, derzeit von drei Paaren. Eines davon führt zur Theologin Marga Bührig, die mit zwei Frauen zusammenlebte, Else Kähler und Elsi Arnold. Heute würde man vielleicht Throuple sagen. Bemerkenswert findet Urech, dass diese Beziehung nicht an ihren eigenen Grenzen haltmachte, sondern sich in feministische Netzwerke hinein öffnete.
Freundschaft beruht im Idealfall auf Freiwilligkeit, Gegenseitigkeit und Gleichheit. Darin liegt ihr emanzipatorisches Potenzial. Die queere Community sei hoffentlich gut darin, Freundschaften zu leben, die auf Differenz beruhen. Und vielleicht, so Urech, sei genau das eine Antwort auf die Self-Care-Frage des Abends: gegen den Strich bürsten und neue Formen erfinden, wie man leben kann, um so sein zu können, wie man ist.
Wer ist in der Pflicht?
Die letzte Mentimeter-Frage, entwickelt mit Prof. Dr. Dr. Aylin Yildirim Tschoepe von der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW, Mitglied des kweercare-Beirats, lautete: Wer ist am stärksten in der Pflicht, mentale Gesundheit zu stärken? Das Publikum setzte die Bildung auf Platz eins, vor der Politik, der Community, dem Gesundheitswesen und den Arbeitgebenden. Für Alessandra Widmer sind alle zuständig, und die Bereiche hängen zusammen. Bildung heisst ganzheitliche Sexualaufklärung in der Schule, aber auch LGBTIQ+-Themen in der Ausbildung medizinischer Fachpersonen. Und vieles wird auf kantonaler Ebene entschieden.
«Queers in Schwyz brauchen etwas anderes als die Queers in Genf.» – Alessandra Widmer
WAS DER ABEND GEZEIGT HAT
Mentale Gesundheit beginnt nicht im Sprechzimmer. Die Wunden, die dort behandelt werden, entstehen in Bewerbungsgesprächen, auf der Strasse, am Familientisch und manchmal in der eigenen Community. Wer nur das Individuum stärkt, behandelt Symptome.
Community ist eine Ressource, keine Garantie. Sie trägt, wo Menschen einander sehen, und sie belastet, wo sie neue Normen setzt. Tobias Urech brachte es in seinem Schlusswort auf eine einfache Frage: Wer ist denn die Community? Die Community sind ja wir. Also können wir auch bei uns anfangen.
Care ist politisch. Alessandra Widmer wünschte sich zum Schluss, dass sich die queere Community am feministischen Streik vom 14. Juni 2027, einem Care-Streik, solidarisch beteiligt und gemeinsam herausfindet, wie eine queere und feministische Zukunft der Fürsorge aussieht. David Garcia Nuñez wünschte sich, dass wir mehr Sorge geben können, um anderen Sorgen abzunehmen. Und dass niemand darauf wartet, bis eine betroffene Person Self-Care macht, sondern dass wir selbst achtsam sind und Haltung zeigen.
Kein Proteinriegel macht die Welt besser. Menschen, die einander zuhören, vielleicht schon.
Der Abend wurde aufgezeichnet und ist als Podcast nachzuhören. Fotografische Dokumentation: Nico Aebischer. Auf den Stühlen lagen Postkarten mit Arbeiten des in Zürich geborenen Fotografen und Regisseurs Nikolai Voelcker, der in London lebt – mehr über ihn im Beitrag «Ein Blick für Zärtlichkeit». Unterstützt von der Fachstelle Gleichstellung und Diversität des Kantons Basel-Stadt, Fachbereich LGBTIQ.
Wenn dich das Thema beschäftigt und du mit jemandem Neutralem sprechen möchtest: Die LGBTIQ Helpline ist per Telefon, E-Mail und WhatsApp erreichbar, lgbtiq-helpline.ch.
LISTENING SESSION
Jede kweercare soirée schliesst mit einer Listening Session – einem offenen Ausklang, der queeren Künstler*innen eine Plattform bietet und Raum schafft für Begegnung ohne Agenda. Musik, Präsenz, Nachklingen.
Mona Gamie ist die Drag-Persona des Historikers Tobias Urech. Zum ersten Mal stand sie vor dreizehn Jahren an einer Party der Milchjugend auf der Bühne, damals noch, wie sie selbst sagt, eher im Stil von Picasso geschminkt. An der dritten kweercare soirée schloss sie den Abend mit einem Live-Auftritt.
Die dritte kweercare soirée vollständig nachhören
Mentale Gesundheit ist Care-Arbeit
Dritte kweercare soirée, 22. September 2026, Kaserne Basel
Mit Alessandra Widmer, Dr. med. David Garcia Nuñez und Tobias Urech. Moderiert von Maximilian Grieger und Roger Furrer. Listening Session mit Mona Gamie.
kweercare Soirée kweercare soirée #5 _ Erinnern als Praxis
Literaturhaus Basel
Barfüssergasse 3, 4051 Basel


