Sichtbarkeit ist noch keine Zugehörigkeit

Am 10. März 2026 füllte sich der Rossstall 2 der Kaserne Basel. Rund 80 Personen kamen zusammen – zum ersten Mal unter dem Dach von kweercare, zum ersten Mal mit dieser Frage: Was passiert, wenn Rassismus und Queerness aufeinandertreffen? Was bedeutet das für Sicherheit, Zugehörigkeit, Fürsorge – und für das eigene Leben? 

Die Antworten kamen nicht als Thesen. Sie kamen als Erzählungen. 

Vier Gäste teilten an diesem Abend ihre Erfahrungen: Ziwei Huang, Kunsthistoriker:in und Teil der Zürcher Ballroom-Community; Nina Novic, trans* Frau, Finanzfachfrau und Schauspielerin; Ömer Atesci, Vorstandsmitglied von Pink Cross und Mitgründer von Basel tickt bunt; sowie Prof. Dr. Udo Rauchfleisch, Psychotherapeut, Pionier der queersensiblen Psychologie in der Schweiz und Mitarbeit bei Queeramnesty. Moderiert wurde der Abend von Maximilian Grieger und Roger Furrer, Präsident und Vizepräsident von kweercare. 

Ein Abend, der unter die Haut geht 

Ziwei Huang, in China aufgewachsen, zweimal immigriert – zuerst nach Kanada, dann in die Schweiz – beschrieb, wie sich Rassismus und Queerfeindlichkeit im eigenen Alltag nicht trennen lassen. Auf dem Podium entstand eine Diskussion über die spezifische Unsichtbarkeit queerer People of Color: im Nachtleben, in der Wissenschaft, in professionellen Kontexten. Tanz und Musik – Ziweis Arbeit in der Ballroom-Szene – sind keine Freizeitbeschäftigung, sondern eine Form von Heilung und kollektiver Fürsorge. 

«I identify as a queer person, but I’m also visibly Chinese. Sometimes it’s difficult to tell whether I’m being discriminated against based on my race or my gender – often it’s both at once.» – Ziwei Huang

Nina Novic schilderte, wie ihre Arbeitszeugnisse bis heute auf ihren früheren Namen ausgestellt sind – und wie das Vorstellungsgespräche prägt, bevor sie auch nur den Mund geöffnet hat. Sie erzählte von einem London, das offen war, und davon, wie sich diese Offenheit seither verändert hat. Und von einem Moment in Japan, der zeigt, dass Zugehörigkeit immer von anderen abhängt – oder eben nicht. 

«Ich werde am Bahnhof kaum von der Polizei kontrolliert – meine Freundin mit indischen Wurzeln schon eher. Das finde ich bezeichnend.» – Nina Novic

Ömer Atesci sprach offen über einen Lebensweg, der ihn früh an die Grenzen führte – und darüber, wie er mit 30 Jahren, durch ein Gespräch mit seiner Halbschwester, zu sich selbst zurückfand. Seine zentrale Einsicht: Diskriminierung kommt nicht nur von aussen. 

«Das hat mich besonders beschäftigt: Es war ebenfalls eine Migrantin, die mir sagte, du gehörst in die Hölle.» – Ömer Atesci

Prof. Dr. Udo Rauchfleisch, der seit 1970 in Basel als Psychotherapeut arbeitet, rief in Erinnerung, was institutionelle Blindheit konkret bedeutet. In schweizweiten Umfragen in Alters- und Pflegeinstitutionen wurde gefragt, ob queere Menschen dort leben. Die Antwort mancher Institutionen ist bis heute unvergessen. 

«Es gab Pflegeinstitutionen, die auf die Frage, ob queere Menschen bei ihnen leben, geantwortet haben: 'Das Problem hatten wir noch nicht.'» – Prof. Dr. Udo Rauchfleisch

Was der Abend gezeigt hat 

Die Geschichten des Abends berührten – und sie wiesen über das Persönliche hinaus. Queerness und Rassismus sind keine parallelen Themen. Sie fallen zusammen, potenzieren sich, und lassen sich in der gelebten Erfahrung oft nicht voneinander trennen. Care – echte Fürsorge – entsteht in diesem Kontext nicht in grossen Institutionen. Sie entsteht in kleinen Gemeinschaften, in persönlichen Verbindungen, in Räumen, in denen man sich sicher fühlt, weil man sich kennt. 

Sichtbar werden, so zeigte der Abend, bedeutet nicht automatisch akzeptiert werden. Es kann auch bedeuten, angegriffen zu werden – von der Gesellschaft, manchmal auch aus den eigenen Reihen. Und trotzdem: Sichtbarkeit bleibt die Voraussetzung für alles andere. 

Den Abschluss bildete eine Listening Session mit Deven Laveaux, Co-Präsident des Trans Safety Emergency Fund und Teil der Zürcher Ballroom-Szene. Die Aufzeichnung des Abends entstand in Zusammenarbeit mit QueerUp-Radio

LISTENING SESSION 

Jede kweercare soirée schliesst mit einer Listening Session – einem offenen Ausklang, der queeren Künstler*innen eine Plattform bietet und Raum schafft für Begegnung ohne Agenda. Musik, Präsenz, Nachklingen. 

Deven Laveaux 

Deven Laveaux ist Teil des House of Laveaux und in der Schweizer Ballroom-Szene aktiv. In Listening Sessions arbeitet er mit Klang, Atmosphäre und Übergängen und schafft Räume des aufmerksamen Zuhörens. Im Zentrum steht nicht Performance, sondern Listening als kollektive Praxis – zwischen Community, Präsenz und Care. 

Die erste kweercare soirée vollständig nachhören

Rassismus trifft Queerness – Stimmen aus gelebten Realitäten
Erste kweercare soirée, 10. März 2026, Kaserne Basel

Mit Ziwei Huang, Nina Novic, Ömer Atesci und Prof. Dr. Udo Rauchfleisch. Moderiert von Maximilian Grieger und Roger Furrer. Listening Session mit Deven Laveaux.

Verein kweercare

4053 Basel
Schweiz

kweercare unterstützen

Spenden

IBAN
CH10 0839 2000 1623 1330 6

Freie Gemeinschaftsbank
lautend auf:
kweercare
4053 Basel

© kweercare 2026

Verein kweercare

4053 Basel
Schweiz

kweercare unterstützen

Spenden

IBAN
CH10 0839 2000 1623 1330 6

Freie Gemeinschaftsbank
lautend auf:
kweercare
4053 Basel

© kweercare 2026

Verein kweercare

4053 Basel
Schweiz

kweercare unterstützen

Spenden

IBAN
CH10 0839 2000 1623 1330 6

Freie Gemeinschaftsbank
lautend auf:
kweercare
4053 Basel

© kweercare 2026