Sichtbarkeit braucht Erinnerung

Ein Rückblick auf «The First Homosexuals» und Basel tickt bunt!

Was bleibt von Menschen, deren Liebe über Jahrzehnte nur angedeutet, versteckt oder in Codes dargestellt werden konnte? Und was geschieht mit ihren Biografien, wenn niemand sie bewahrt und weitererzählt?

Die Ausstellung «The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939» im Kunstmuseum Basel machte sichtbar, dass queere Geschichte nicht erst mit den politischen Bewegungen der vergangenen Jahrzehnte begann. Sie zeigte Menschen, Beziehungen und Lebensentwürfe, die lange vor unserer heutigen Sprache für sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität existierten.

Vom 7. März bis 2. August 2026 versammelte die Ausstellung rund achtzig Gemälde, Arbeiten auf Papier, Skulpturen und Fotografien. Ausgangspunkt war das Jahr 1869, in dem der Begriff «homosexuell» erstmals öffentlich verwendet wurde. Mit dieser neuen Bezeichnung entstand die Möglichkeit, gleichgeschlechtliches Begehren zu benennen – und damit auch neue Formen von Identität, Gemeinschaft und Sichtbarkeit zu entwickeln.

Doch Benennung bedeutet nicht automatisch Befreiung. Begriffe können Menschen sichtbar machen, sie können aber auch einordnen, begrenzen und kontrollieren. Die Ausstellung erzählte deshalb keine geradlinige Geschichte des gesellschaftlichen Fortschritts. Sie zeigte intime Porträts und selbstbestimmte Lebensentwürfe ebenso wie kodiertes Begehren, Ausgrenzung und koloniale Verflechtungen.

Queere Biografien sind Teil unserer Geschichte

Für kweercare berührte die Ausstellung eine zentrale Frage: Was geschieht mit Biografien, die zu Lebzeiten nicht offen erzählt werden konnten?

Viele ältere queere Menschen haben erfahren, dass ihre Beziehungen nicht anerkannt, ihre Lebensweisen pathologisiert oder ihre Identitäten verschwiegen wurden. Manche mussten sich über Jahrzehnte schützen, anpassen oder immer wieder neu erklären. Diese Erfahrungen verschwinden nicht einfach im Alter. Sie prägen das Vertrauen in Institutionen, den Umgang mit Nähe und Abhängigkeit und die Frage, wer in einer verletzlichen Lebensphase als Familie wahrgenommen wird.

Biografie ist deshalb kein nebensächliches Wissen. Sie ist eine Grundlage guter Care.

Wer einen Menschen begleitet, sollte nicht nur Diagnosen, Medikamente und Unterstützungsbedarf kennen. Ebenso wichtig sind Beziehungen, Verluste, Erfahrungen von Zugehörigkeit und Ausgrenzung, gewählte Familien und die Menschen, die im eigenen Leben Bedeutung haben. Queersensible Care nimmt diese Geschichten ernst – auch dann, wenn sie lange unsichtbar bleiben mussten.

Vom Museum auf die Strasse

Am 27. Juni 2026 wurde das Kunstmuseum Basel zum Ausgangspunkt von Basel tickt bunt!. Unter dem Motto «Vielfalt verbindet – miteinander statt gegeneinander!» kamen Menschen aus unterschiedlichen Generationen und Teilen der Community zusammen. Im Innenhof des Museums begannen die Ansprachen und Reden, anschliessend führte der Pride Walk von der St. Alban-Vorstadt über die Wettsteinbrücke und entlang des Rheins bis zum Holzpark Klybeck.

Dass der Pride Walk im Umfeld von «The First Homosexuals» begann, war mehr als eine räumliche Verbindung. Die Geschichten aus der Ausstellung traten aus dem Museum hinaus in die Gegenwart. Aus historischer Sichtbarkeit wurde gelebte Gemeinschaft. Aus Erinnerung wurde eine öffentliche Haltung.

kweercare unterstützte Basel tickt bunt! und war beim Pride Walk mit dem eigenen Transparent sichtbar. Denn Pride bedeutet für uns nicht nur, gemeinsam zu feiern. Pride bedeutet auch, füreinander einzustehen, sichere Räume zu schaffen und Menschen in ihrer ganzen Biografie wahrzunehmen.

Gerade in einer Zeit, in der queere Rechte und Lebensrealitäten erneut infrage gestellt werden, braucht es diese Verbindung von Erinnerung und Gegenwart. Sichtbarkeit ist nicht selbstverständlich. Sie wurde von früheren Generationen erkämpft und muss immer wieder neu ermöglicht und geschützt werden.

«The First Homosexuals» hat gezeigt, wie Kunst Spuren von Leben bewahren kann, die andernorts ausgelöscht oder übersehen wurden. Basel tickt bunt! hat diese Geschichten in den öffentlichen Raum getragen.

Beides erinnert uns daran: Queere Biografien gehören nicht an den Rand. Sie gehören in unsere Museen, in unsere Stadtgesellschaft – und in jede Form von Care.

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